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Heinrich Böll über Wuppertal

Heinrich Böll:

Lange Zeit habe ich geglaubt, Wuppertal bestehe nur aus Bahnhöfen, aneinandergereiht, um die Lokomotivführer nicht übermütig werden zu lassen, sie das Bremsen, Anfahren, Bremsen zu lehren; diese lange Schlucht, dicht bebaut, von der Eisenbahn aus betrachtet unwirklich, schien für den Zweck gut gewählt: die dunklen Häuser oberhalb des Bahnkörpers, die phantastische Schwebebahn waren wenig geeignet, dem kindlichen Gemüt diesen Alptraum der Enge als wirkliche Stadt erscheinen zu lassen. Während des Krieges steigerte die Verdunkelung den Eindruck des Grandios-Unglaubwürdigen, das Respekt und Furcht einflößte, in seiner Geschlossenheit so künstlich wirkte, dass ich die winkenden Kinder auf einer Brücke für bestellt hielt, bestellt, dieser Eisenbahnschlucht den Kredit der Wahrscheinlichkeit zu beschaffen; auf die Gefahr, einem Trick zu erliegen, winkte ich zurück. Als ich zum ersten Mal in Wuppertal ausstieg, inzwischen erwachsen und doch noch nicht ganz vom Vorhandensein dieser Stadt überzeugt, war ich froh, dass ich wirklich gewunken hatte. Die Stadt nahm überschaubare Dimensionen an: die Wupper war wirklich da, Kirchen, Straßen, alles, besonders der noch leicht heimatlich klingende Dialekt wirkte ernüchternd, nichts weniger als künstlich: ungeschminkt. Wuppertal schminkt sich nicht, und das ist — wie bei Frauen, die es sich leisten können, ungeschminkt zu gehen — wohltuend und enttäuschend zugleich. Spät, manchmal nie, entdeckt der Ortsfremde die Hintergründe dieser ungeschminkten Stadt: Privatsammlungen, die das Museum mancher Stadt zu einer Sensation machen würden, Bibliotheken voller Kostbarkeiten. Die Kunst übt eine starke Anziehungskraft auf die Stadt aus, die Stadt weniger auf die Kunst. In den Privatsammlungen herrscht Tempelstimmung — ein Gegensatz zu der ernsten, so fleißigen Stadt da draußen, deren Arbeitstempo selbst den tiefsten Träumer ernüchtert. Andere Städte, deren Industrien nicht patriarchalischen Ursprungs sind, haben diese heftige Beziehung zur Kunst nicht. Wuppertal ist von Untenehmen gemacht, nicht von anonymen Gesellschaften, deren Aktionäre irgendwo schnippelten, ohne auch nur den Bahnhof des Ortes zu kennen, aus dem das Geld zu ihnen floss. Diese Unmittelbarkeit ist in Wuppertal bis heute zu spüren, sie gibt der Stadt, mag sie auch der großbürgerlichen Ära entwachsen sein, ihren Stil. Wo nicht geschminkt wird, wird auch nicht geschmeichelt, und ich könnte mir denken, dass Diplomatie nicht gerade die Stärke der Wuppertaler ist. Wenn man eine unangenehme Wahrheit nicht aussprechen möchte, würde man sich dort wohl eher auf die Zunge beißen, als es auf die glattzüngige Art zu versuchen. Es wäre anmaßend, in einem so kurzen Vorwort alle Vorzüge und Nachteile einer Stadt auch nur annähernd erklären zu wollen: etwa das ABC der Sekten und Religionsgemeinschaften aufzuzählen, von den „Adamiten“ bis zu den „Wiedertäufern“, das Wuppertal zu einem Katalog der religiösen Gruppen macht. So unterschiedliche Geister wie Claire Schlichting und Ernst Bertram, Rudolf Herzog und Eise Lasker-Schüler entstammen der Stadt; Kolping gründete hier den Gesellen verein, und die „Barmer Erklärung“ wurde auf der ersten Synode der Bekennenden Kirche hier formuliert. Die beiden großen Friedriche des 19. Jahrhunderts: Engels und Bayer, beide Mitbegründer großer Mächte, des Marxismus und der chemischen Industrie, stammen aus dieser engen Schlucht, die so verwirrend viele Bahnhöfe hat. Je tiefer man in die Stadt eindringt, auf die grünen Höhen zu, die der Stadt einen so eindrucksvollen, ja versöhnenden Rahmen geben, desto unwirklicher wird die Bahn da unten, die dem kindlichen Gemüt als das einzig Vorhandene erschien; ob der einigermaßen Erwachsene fähig wäre, die komplizierte Urbanität dieser Stadt, ihre Gegensätze darzustellen, bleibt zweifelhaft; so mag es dem Ortsfremden gestattet sein, Klagen und Enttäuschungen über diese Stadt, die er nur aus der Literatur und der Fama kennt, zu übergehen; „der geht über die Wupper“, diese Redewendung hat im Rheintal einen düsterdrohenden Klang. Seit ich Wuppertal kennerlernte, habe ich das Drohende dieser Redensart nicht mehr empfinden können.

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